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Die Frühgeschichte der Familie Posselt.

von Hermann Posselt.

Im Folgenden soll auf die älteste Geschichte des Geschlechtes Posselt eingegangen werden, die etwa von der frühesten Nennung des Namens bis zum Beginn der Entstehung des Familiennamens reicht und einen ungewöhnlichen Weg der Ostkolonisation schildert. Die erste Überlieferung des Namens B o s s o l d befindet sich in der Urkunde Nr.169 der "Traditiones possessionesque Wizenburgenses" *1; in dieser Schenkung des Ermenradus an das Benediktinerkloster Weissenburg im Elsaß unter dem Datum 24.8.711 wird ein Bossold als Zeuge aufgeführt. Als nächsten Beleg muß man zwei der Substanz nach gleiche Urkunden Nr.151 und 156 zitieren, die in der selben Sammlung stehen. Darin schenken zwei Brüder, der spätere Abt von Weissenburg Adalhelmus und sein Bruder Milo, am 23.1.840 bzw 27.5.855 eine Hube, 30 Morgen Land und Wiesen ( ca. 95000 qm; 1 württembergischer Morgen 3152 qm) für drei Wagenladungen den Benediktinern von Weissenburg unter Beibehaltung des Nießbrauchs in "villa marca que vokatur B u o z o l t e s h u s a". Dieser Ort der heute die kleine Gemeinde Bosselshausen bei Buchsweiler (Bouxwiller, Dep. Bas-Rhin) ist, war also eine Gründung dieses Bossold von 711, und die beiden Brüder die Herren dieses Ortes und somit Nachkommen jenes ältesten Bossold.

Eine weitere Nennung des Namens B u o z o l t - so wohl die richtige Schreibung - findet sich in der Nr.458 des "Codex Diplomaticus Fuldensis" *2, nach der am 15.4.825 Sigilouga, vermutlich eine Gräfin, dem Kloster in Fulda Teile ihrer Besitzungen in zwei Weilern überträgt; dabei wird unter den Hintersassen auch ein Buozolt aufgezählt. Diese ältesten Belege für den Namen fordern nun zu einer Klärung der Etymologie heraus, die offensichtlich Schwierigkeiten macht, denn manche Namensbücher lassen diesen Namen überhaupt aus. Die völlig umgearbeitete Auflage des Altdeutschen Namensbuches von Ernst Förstemann von 1966 *3 stellt den Namen zum Stamm Boz (Besserung, Nutzen): damit würde er wohl Nutzwalter, Güterverwalter bedeuten. Nach Ernst Schwarz (Sudetendeutsche Familiennamen aus vorhussitischer Zeit) *4 gehört er zu dem Stamm mhd. boze gleich geringer Knecht; dann bedeutet er etwa Aufseher über die Knechte (Truchseß). Eine Herkunft zu slawisch Piotr = Pioss-(ek) mit der germanischen Nachsilbe -old, wie dies bei Hans Bahlow (Deutsches Namenslexikon) steht, erscheint ausgeschlossen. Eine Ableitung vom Verb boseln = basteln (Heintze-Cascorbi: Die deutschen Familiennamen, geschichtlich, geographisch, sprachlich) *5 ist weit weniger wahrscheinlich als die Erklärung zur Kurzform von Sebastian/Bastl, Wastl, Postl, weil dieser Name aus viel älterer Zeit gelegt ist.

Die zeitlich nächsten Urkunden, die den Namen P o s s e l t aufweisen, führen uns nach Mähren, und zwar nach Brünn, Oslawan, Olmütz und Moderitz: Am 26.9.1260 übertrug Rudolphus, P o s s o l d i filius, das Patronatsrecht der Kirche Allerheiligen, eine Bergsiedlung vor dem Tore Brünns, das damals noch kein Stadtrecht besaß, an das Zisterzienserinnenkloster Oslawan, was am 15.10.1269 vom Bischof von Olmütz, Bruno von Moderitz bestätigt wurde. Beide Urkunden sind in den "Regesta diplomatica nec non epistolaria Bohemiae et Moraviae" *6 unter Nr.267 und 667 wiedergegeben. Aus diesen Belegen ergibt sich somit, daß diese Sippe seit mindestens drei Generationen dort wohnte, denn in der Urkunde Nr.667 (siehe Beispiel) heißt es: "jus Patronatus, quod habuisse dinoscitur a progenitoribus suis et jure hereditario translatum sit", d.h. also etwa seit 1170 oder noch früher, denn "progenitor" heißt zumindest Urgroßvater. Aus diesem Patronatsrecht, das dem Patronatsherrn das Recht gab, einen ihm genehmen Geistlichen dem Bischof als Ortspfarrer vorzuschlagen, läßt sich folgern, daß dieser Vorfahr des Rudolf ein Ministeriale war, der dort ein Lehen, verbunden mit dem Patronatsrecht über die Kirche Allerheiligen, besaß. Außerdem ist der Schluß gestattet, daß es sich hier um eine sehr frühe Welle der Ostkolonisation handelt, dieser Vorfahr des Rudolf, Possoldi filius, also ein Lokator gewesen sein muß. (Anm.: Hier sollten wir etwas über die Deutsche Ostsiedlung sagen. Von Frankreich kam damals eine Kolonisationswelle zur Gewinnung besiedelbaren Bodens durch Rodung und Entwässerung und damit zur Erstbesiedelung und zum Wachsen der Bevölkerung. Das lag natürlich im Interesse des Landesherrn. Diese Aktion wurde auch von den böhmischen Herzögen und Königen, vom Klerus und auch vom Adel aufgegriffen. Sie riefen deutsche Bauern, Handwerker, Kaufleute und Bürger ins Land und wiesen ihnen unbesiedeltes Land sowie Plätze in den bewaldeten Randgebieten zum Roden und Kultivieren zu. So wurden im Jahre 1204 in Mähren unter dem Markgrafen Wladislaw ins Land gerufene Siedler nach deutschem Recht angesiedelt, "vocati iure teutonico" (hereingerufen mit dem Recht der Deutschen). Die systematische Einwanderung von Deutschen förderte bereits König Przemysl Ottokar I. (ab 1198)).Ob schon mit diesem Vorfahr des Rudolf Posselt die genealogische Reihe begonnen werden kann, ist wohl fraglich, jedoch nicht von der Hand zu weisen; obgleich die deutschen Familiennamen sich schon im 12.Jh. in den Handelsstädten bildeten (Einfluß von Italien), wäre dieser Vorgang für den Osten auf neu kolonisiertem Boden sehr zeitig. Dazu kommt, daß der Name Posselt 1269 nicht mehr in Brünn zu finden ist, weil Rudolf das Patronatsrecht wegen Schulden an den Vorsteher der Judenstadt Nathan verpfändet hatte (damals ein üblicher Vorgang) und dann überhaupt aufgab. Daher weist das genaue Verzeichnis der "Losungsbücher der Stadt Brünn aus den Jahren 1342-1365" *7 keinen Träger dieses Namens auf. Ein solcher findet sich erst für den 5.8.1357, wieder in der "Regesta dipl. nec non epist. Bohemiae et Moraviae" unter Nr.630: Heinrich Possold in Eger. In der gleichen Stadt wird dann für 1370 ein Pesold Possold, also ein Peter Posselt erwähnt. Damit ist aber der Name sicher schon Familienname geworden. Die Ahnenreihe ließe sich also mit einiger Zurückhaltung bei 1170, bestimmt aber bei 1357 anfangen. Wenn auch die Verwandschaftsgrade von den einzeln überlieferten Posselt nicht nachgewiesen werden können, sind die zeitlichen Abstände doch so, daß sie eine Stammreihe bilden könnten: 1380 Hannus P. in Breslau, Henrich P. in Görlitz, 1417 Hannus P. in Schweidnitz, 1431 wieder Hannus P. in Glatz (sind diese zwei Hannus identisch?), 1473 Lorenz P. in Görlitz, 1499 ein Student Stanislaus P. aus Görlitz (Sohn des vorgenannten Lorenz), der 1507 sein Baccalaureat an der Universität in Leipzig ablegte und später ein bekannter Notar des Bistums Meißen wurde, 1527 ein Merten und ein Michel P., 1528 ein Adam P., alle drei aus Görlitz. Wenn man dann noch die Pfarr-Register verfolgt, bildet sich ein Zentrum für die Posselt etwa in dem Gebiet des Sechsstädtebundes Zittau, Bautzen, Görlitz, Lauban, Löbau und Kamenz. Verfolgt man nun die Reihe der Jahreszahlen, so ergibt sich eine Wanderung aus dem fränkischen Nord-Elsaß, das nicht alemannisch war, nach Mähren, dann nach Böhmen und von da in die Oberlausitz. Da die Wanderung nach Mähren im Verlauf der Ostkolonisation zu sehen ist, zeigt sich für dieses Geschlecht zunächst ein weiterer Vorstoß nach dem Osten und dann die "Rückkehr" in das Gebiet der Sechsstädte. Von dort erfolgte wahrscheinlich nach der Reformation die Auswanderung der katholischen Linie in das nördliche Böhmen.

Wenn die Heimatkunden des Kreises und der Stadt Gablonz-N. (Lilie, Ressel, Benda) die Sage von der Einwanderung von drei Brüdern Posselt aus Meißen in das Gebiet von Albrechtsdorf berichten, so muß dies kein Widerspruch sein, denn die Sechsstädte gehörten kirchlich zum Bistum Meißen (siehe Stanislaus P.).

Nun stellt sich die Frage, wie die B(P)ossolt aus dem ripuarfränkischen Gebiet um Weißenburg und Hagenau nach Mähren kamen. Immerhin sind drei Wege möglich:

1. Große kolonisatorische Verdienste erwarben sich die Askanier, die sich dabei häufig der Flamen bedienten, eines Stammes der salischen Franken, deren Spuren bis nach Mähren reichen. Belegt ist der Name des Dorfes Brosdorf, das 1380 tschechisch Bravantice = Dorf der Brabanter hieß (K. Berger: Die Besiedlung des deutschen Nordmähren und Schlesien im 13. und 14.Jh.) *8. Trotzdem ist dieser Weg für unsere Familie weniger wahrscheinlich , denn sie müßte zuerst nach dem Norden, nach Brabant gewandert sein; außerdem saßen die Posselt schon 200 Jahre vorher in Allerheiligen in Brünn.

2. Der direkte Weg könnte über Fulda geführt haben, dessen Kloster eine Benediktinerabtei (Grab des hl. Bonifatius) war. Unterstütz wird diese Möglichkeit dadurch, daß ein Ebracher Zisterzienser Robert (Rupert) in der 1.Hälfte des 13.Jh. Bischof von Olmütz war und sich seine Lehensleute mitbrachte, denn er organisierte sein Bistum nach dem Lehenssystem.

3. Der dritte Weg führt über die von Karl dem Großen gegründete Böhmische Mark, ein Gebiet, das vom Fichtelgebirge bis in das österreichische Weinviertel nördlich der Donau reichte. Dorthin stellt die Verbindung ein Zeuge für die Übertragung des Patronatsrechtes durch Rudolf Possoldi filius, namens Konrad von Drosendorf her (Urkunde Reg. Boh. et Mor. Nr.267). Wenn es auch mehrere Drosendorf, z.B. bei Bamberg, gibt, ist doch dieses Drosendorf in dem Reg.-Bezirk Horn, Niederösterreich, deswegen sehr wahrscheinlich, weil für diesen Bereich viel mehr dynastische Verbindungen in das alte elsässisch-fränkische Gebiet bestanden als in andere Teile Deutschlands. Zudem handelt es sich um eine Urkunde aus der Zeit Przemysl Ottokars II., der zu dieser Zeit auch Herr der Böhmischen Mark war.

Vielleicht kamen sie mit dem Geschlecht Lichtenberger, das aus dem elsässischfränkischen Raum stammte, oder den Babenbergern, den späteren österreichischen Herzögen, die mit ihrer ostfränkischen Herkunft sogar die zu dem Grabfeld (s. Gräfin Sigilouga), dem Bereich des Klosters Fulda herstellten, mit kolonisatorischen Rechten und Aufgaben ausgestattet, in den zu erschließenden Raum zwischen Donau und Taya (Böhmische Mark) und dann nach Mähren. Einwandfrei wird sich der Weg nie feststellen lassen, denn die Namen waren in diesen alten Zeiten Individualnamen, d.h., jeder trug nur einen Namen, der von Kind zu Kind wechselte. Sicher ist, daß der Name sehr alt ist, dessen Träger zuerst freie Männer (Bossold, Buozold), dann Lehensleute und Lokatoren (Vorfahr des Rudolf, Possoldi filius) waren dann Patrizier (Rudolf usw.) in Brünn, Eger und den Sechsstädten wurden, bis sie schließlich verbürgerlichten. Grundlage für die Familienkunde ergibt sich vielleicht seit der Brünner (1170), bestimmt aber seit der Egerer (1357) Überlieferung.



A n m e r k u n g :

Als Beispiel für die verschiedenen Urkunden hier der Wortlaut der Nr. 667 aus den Regesta diplomatica nec non epistolaria Bohemiae et Moraviae: Ottocarus II, rex Bohemiae, 1253-1278 (667) 1269, 15. Oct. In Moderitz.

Bruno, episcopus Olomucensis, abbatissae et conventui monasterii in Oslavan jus patronatus ecclesiae Omnium sanctorum extra portam Brunnensem confirmat. - "Cum igitur, sicut vestra nobis exhibita petitio continebat, Rudolphus Poszoldi filius, civis Brunnensis, pium liberalitatis et devotionis zelum erga vos et vestrum monasterium gerens jus patronatus ecclesiae Omnium sanctorum extra portam Brunnensem, quod habuisse dinoscitur a progenitoribus suis et jure hereditario translatum sit in eundem, in vos duxerit transferendum. - nos dicti civis factum - confirmamus mandantes sub interminatione anathematis, ne quis hanc nostram confirmationem presumat infringere." - Dat. in Moderitz anno MCCLXIX, idus Octobris.

Übersetzung:

Bruno, der Bischof von Olmütz, bestätigt der Äbtissin und dem Konvent des Klosters in Oslavan das Patronatsrecht der Kirche Allerheiligen vor dem Brünner Tor. - "Da also, wie Euer uns eingereichtes Gesuch enthielt, Rudolf Poszolds Sohn, Brünner Bürger, der den frommen Eifer der Freigiebigkeit und der Ergebenheit gegenüber Euch und Euerem Kloster hegte, das Patronatsrecht der Kirche Allerheiligen vor dem Brünner Tor, das er bekanntlich von seinen Vorfahren erhalten hat und auf ihn durch Erbrecht übertragen ist, auf Euch zu übertragen wünschte - so bestätigen wir des genannten Bürgers Tat, indem wir unter Androhung des Bannes verlangen, daß niemand diese unsere Bestätigung zu untergraben gedenke." Gegeben in Moderitz im Jahre 1269 an den Iden des Oktobers.

siehe auch "Die Posselt im Sudetenland"

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*1 Hrsg. v. J. Caspar Zeuss, Speyer 1842; auch Nr.82 bei Albert Bruckner, Regesta Alsatiae aevi Merovingici et Karolini 496-918 Bd. I. Straßburg-Zürich 1949; desgl. Nr. XVIII bei Jean Marie Pardessus, Diplomata, Chartae, Epistolae Leges aliaque instrumenta ad res Galofrancicas spectanica, Bd.2, Neuauflage, Aalen 1969. -Die heutige Ableitsilbe -elt hat sich über die althochdeutsche Form -old aus germanisch -waldo entwickelt, deren ursprüngliche Bedeutung in dem Zeitwort "walten, verwalten" erhalten ist. Als ursprüngliche Form für den Namen ist also bota-waldo anzusetzen. Vgl. heri-waldo zu Herold, waldo-heri zu Walther. Aus dem Namen Buozolteshusa ist das t durch Angleichung verschwunden und so die heutige Form Bosselshausen entstanden. Das lange u ist gesetzmäßig zu au diphtongisiert worden.

*2 Hrsg. v. Ernst Friedr. Joh. Dronke, Kassel 1850.

*3 Bd.1: Personennamen, Nachdr. München u. Hildesheim; Bd.2 Ortsnamen, Bonn 1913. (Abbildungen aus "Altdeutsches Namenbuch I-II". Nordhausen 1856-59. Bonn 1900.)

*4 Köln 1957.

*5 7.Auflage, Halle/Saale u. Berlin 1923.

*6 Hrsg. v. J. Emler (Tl. V) u. B. Mendl (Ti. VI), Prag 1928/29.

*7 B. Mendl, Knihy poctu mesta Brna z let 1343-1365, Brünn 1935.

*8 Neudruck Wolfratshausen 1964. Entnommen aus Ostdeutsche Familienkunde Heft 1/1975.                                                                                                   3d_darkbg_a_up.gif